Maria-Eleonora Karsten,
Plädoyer für ein neues (Arbeits-)Zeitmanagement
Netzwerk FrauenZeiten am 15.02.02
Kurzthesen
1. Ein Blick in die jüngere arbeitsmarktpolitische
öffentliche Diskussion lehrt, dass es durchaus ein einhelliges Argument
ist, dass Arbeitszeitpolitik ein vorrangiges Feld politi-scher Gestaltung
werden müsse. So allgemein geht dies jetzt den Arbeitspolitikern jeglicher
Couleur erstaunlich leicht von den Lippen.
Allerdings: Beteiligte, insbesondere Frauen,
Kundige und Interessierte der (wellenförmigen) Zeitdiskurse seit den
achtziger Jahren können sich, angesichts einer solchen (schein-baren)
Selbstverständlichkeit nur wundern und müssten die Ernsthaftigkeit
anzweifeln. Auch das „Bündnis für Arbeit“ zeigt bislang keine
ernst zunehmende Bemühungen, eine nachhaltige zukunftsfähige
Zeitpolitik anzustreben oder die dafür gebotenen argumentativen und
politischen Voraussetzungen zu schaffen.
Es geht also weiterhin um das „wie“ einer
qualitativ neuen „Zeitgestaltung“ und dies insbesondere in der Perspektive
von Geschlechtergerechtigkeit, also aus der und für die Perspektive
von Frauen.
2. Zeitgestaltungserfordernisse, Zeitstrukturkonzeptionen,
Zeitmodelle stehen erneut vor der Aufgabe, sich im Horizont gesellschaftlicher
Entwicklungen und gesellschaftskonzeptioneller Entwürfe zu verorten,
sind diese doch durch (verbreitet implizite) neue Zeitvorstellungen gekennzeichnet.
Zeit ist, wenn sie die Arbeits-, Lebens, soziale und kulturelle Zeit für
Frauen und Männer einschliesst, somit mindestens in den Kontexten
von
• zivilgesellschaftlichen
• risikogesellschaftlichen
• multikulturellen
• dienstleistungsdominierten arbeitsgesellschaftlichen
• globalisierten Sozial- und Wohlfahrtsstaatsentwicklungen
in Europa zu denken.
Es geht also nicht mehr allein um
Arbeitszeitpolitik, sondern um ein mehrdimensionales Projekt zukunftsfähiger
Zeitpolitiken für das ganze Leben.
3. Besonders charakteristisch für
die Zeitgestaltungserfordernisse dieser Gesellschaftsformationen ist nämlich,
dass sie in neuer Weise alle Lebens-, Arbeits-, Partizipations- und zivilgesellschaftlichen
Engagementsbereiche betreffen. In europäischen Konzeptionen, wie dem
Memorandum zum lebenslangen Lernen sind sie außerdem lebensalterum-spannend
biographiebedeutsam gedacht, so dass auch das zeitliche Selbstverständnis
im Generationen – und im Geschlechterverhältnis neu zu bedenken sind.
Ähnlich dem Denkmodell der ökologischen
Ökonomie geht es somit um neue kleine oder große Gesellschaftsverträge
zur „Zeit im Leben“, die es auszuarbeiten gilt.
4. Politisch-programmatisch geht es um
die Etablierung und Verbreitung des Wissens, Zeitgestaltung als gleichwertige
Ressource und Ermöglichungsstruktur sozialer Lebensqualitäten
zu denken.
Politisch-praktisch-methodisch geht es
darum, erkannte Zeitpolitikerfordernisse und -möglichkeiten in der
Perspektive von Frauen und Männern zu erproben und in ihren Wirkungen
und Wechselwirkungen, aber auch (ungewollten) Nebenwirkungen zu beobachten
und öffentlich zu reflektieren.
5. Im Sinne des gender-mainstreaming-Ansatzes
sind dabei mindestens folgende Dimensionen zu berücksichtigen:
• Zeit, Zeitressoucen, Zeitpolitik und
Zeit als soziale Struktur gendersensibel zu bilanzieren,
• neues Wissen um die Bedeutung und soziale
Folgen von gesellschaftlichen Zeitvorgaben zu bilden,
• zukunftsfähiges ZeitErleben und
ZeitLeben herauszufordern und
• den Prozess der Realisierung konsequent
zu überprüfen.
Dieser Prozess wird mit dem Memorandum
und den Forderungen für ein neues Arbeitszeitmanagement pointiert
und neu begonnen.