Margret Mönig-Raane, stellv.
ver.di-Vorsitzende,
ver.di-Frauen- und Gleichstellungspolitik
zur Veranstaltung des FrauenZeiten-Netzwerkes am 15.02.02 in Berlin
ver.di hat die (Arbeits-)Zeitpolitik
mit dem Schwerpunkt „Vereinbarkeit von Beruf, Familienaufgaben und Privatinteressen
für Frauen und Männer“ als einen ihrer vier Arbeitsschwerpunkte
des laufenden und des nächsten Jahres beschlossen.
Allem zeitpolitischen Handeln legt ver.di
folgende Grundsätze und Ziele zugrunde:
Zeitpolitik muss, wenn sie zu Chancengleichheit
in der Gesellschaft führen soll, nicht nur auf Arbeitszeitpolitik
begrenzt bleiben, sondern muss beide Elemente enthalten: gesellschaftliche
Zeitpolitik und Arbeitszeitpolitik.
Frauen und Männern müssen gleiche
Anteile an bezahlter und unbezahlter Arbeit zu gute kommen. Abdrängen
der Frauen aus dem Berufsleben oder unfreiwillige Teilzeit für Frauen
und Vollzeitarbeit und Überstunden für Männer z.B. sind
keine gerechte Verteilung.
In der Arbeitszeitgestaltungspolitik setzen
wir dem Flexi-Begehren der Arbeitgeber den Anspruch der Zeitsouveränität
für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, in rechtlich Abgesicherten
Rahmenbedingungen, also Gesetzen und Tarifverträgen entgegen.
Für eine wirksame Beschäftigungspolitik
gegen die Arbeitslosigkeit und für den Schutz der Menschen, die Arbeit
haben, vor steigenden bezahlten und unbezahlten Überstunden, vor sich
flächendeckend ausbreitender Entgrenzung der faktischen Arbeitszeit
jenseits von Tarifverträgen, Arbeitsverträgen und Gesetzen steht
für ver.di auch die sorgfältige Vorbereitung des nächsten
Anlaufes der Arbeitszeitverkürzung mit auf der Tagesordnung.
Dabei gilt es Formen der Arbeitszeitverkürzung
und Arbeitszeitgestaltung durchzusetzen, die die Kolleginnen und Kollegen
tatsächlich in die Lage versetzen, in der Praxis auch in den Genuss
dieser Arbeitszeitverkürzung zu kommen, anstatt nur die Dauer der
unbezahlt am Arbeitsplatz zu verbringenden Zeit zu verlängern.
Neueinstellungsgarantien seitens der Arbeitgeber mit Sanktionsmöglichkeiten
im Falle der Nichtrealisierung, Jahresarbeitszeit- , Lebensarbeitszeitmodelle
und befristete bezahlte Ausstiegszeiten in Verbindung mit Vertretungs-
und damit Eingliederungszeiten für Arbeitssuchende sind hier einige
der Stichworte.
Den in die gesellschaftliche Diskussion
gerückte Auftrag der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gilt es frauenpolitisch
zu definieren und da ist „Vereinbarkeit“ zwar (endlich!) das flächendeckende
Angebot an Ganztagsförderung von der Kinderkrippe bis zur Ganztagsschulen
zu schaffen, aber auch Handeln in Sachen Zeitpolitik – der Arbeitszeitpolitik
und
der gesellschaftlichen Zeitpolitik!
Insbesondere das Verwirklichen von Chancengleichheit
und Gleichstellung von Frauen und Männern bedarf der Verbesserung
der zeitlichen Infrastruktur unserer Gesellschaft. Dabei sind die tariflichen
und betrieblichen Arbeitszeitregelungen ebenso betroffen, wie die zeitliche
Angebots- und Regelungsstruktur zur Organisation des Alltags, für
Bildung, Kommunikation, Betreuungsarbeit und Freizeit.
Zeitqualität als Anspruch muss
enttabuisiert werden (weg von der Definition als individuelles Versagen
oder Anspruch auf Zeitqualität als Karrierehemmnis) vielmehr
müssen Umgang, Weg und Ergebnis von Verabredungen über die Regelung
der verschiedenen Zeitbedarfe zu einem Qualitätsmerkmal und
Prüfkriterium von Gesellschaft und Politik werden.
Politikprinzip und Kriterium jeder Zeitpolitik
, der Arbeitszeitpolitik und der gesellschaftlichen Zeitpolitik muss von
Anfang an und in jeder Phase der Genderaspekt, das Gender Mainstreaming,
sein.
Weitere unverzichtbare Voraussetzungen
sind: ein Höchstmaß an echter Beteiligung, Mitbestimmung und
des Interessenausgleichs zwischen den partiell widersprüchlichen Interessen.
Kommunale- und Arbeitszeitprojekte zeigen,
dass es gerade im Bereich der Zeitgestaltung, wenn sie demokratisch, d.h.
tatsächlich beteiligungsgerecht erfolgt innovative Lösungen
und damit Win-Win-Situationen möglich sind.
Aktuell hat ver.di hat hierzu drei frauen-
und gleichstellungspolitische Zeitpolitik-Praxis-Projekte vorbereitet,
in denen dieses Ziel im Rahmen des ver.di-Schwerpunktes der Zeitpolitik
exemplarisch angegangen werden soll. In Berlin, Lübeck und in Nürnberg
werden Krankenhausbeschäftigte, die KollegInnen aus Kitas und Kaufhäusern
bzw. in Lübeck bei der Gestaltung eines ganz neuen Stadtteils, ihre
Zeitbedarfe als Arbeitnehmerinnen einerseits und als Abfragerinnen von
Dienstleistungen andererseits formulieren und nicht gegeneinander, sondern
im ständigen Austausch und vernetzt, versuchen, zu gegenseitig akzeptablen
Verbesserungen zu kommen.
(Auch i.S. d. Weiterentwicklung der „Zeiten
der Stadt-Bewegung“.)
Über die gesamte Laufzeit der Projekte
hinweg, Febr. 2002 – Jan. 2004, werden wir durch Info-Materialien
und Veranstaltungen, regional und auch auf Bundesebene über die Schritte,
Erfahrungen und Sachstände informieren und diese evaluieren.
U.a. der Auftakt dieser Projekte, aber
auch eine frauenpolitische Vorbereitung des ver.di-Arbeitsschwerpunktes
der Zeitpolitik erfolgt mit unserer, dieser Veranstaltung hier folgenden
zentralen Veranstaltung am 19./20.02.2002 hier in Berlin.
Und in Abwandlung des Slogans jener Veranstaltung,
für uns alle das Motto:
Besser die Zeit im Griff als im
Griff der Zeit!